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Alt 02.03.2010, 03:24   #1
Martin Schaefer
Administrator
 
Registriert seit: 08.10.2005
Beiträge: 69
Gefährliches Halbwissen @ HDTV

In letzter Zeit lassen sich immer mehr selbsternannte Experten zur Thematik HDTV-Formate aus. Zentraler Punkt ist dabei die teils heftig kritisierte Entscheidung der öffentlich rechtlichen Sender für das Format 720p50 im Gegensatz zu den international immernoch üblichen 1080i Formaten.

Fakten:
  • Es werden heutzutage im Endverbraucher-Markt keinerlei HDTV-taugliche Fernsehgeräte mit Interlaced Darstellung (Zeilensrpungverfahren mit Halbbildern) mehr produziert oder verkauft. Alle HDTV-Fernseher auf dem Markt arbeiten mit progressiver (Vollbild) Darstellung. Es ist völlig widersinnig, heute noch in Interlaced Formate zu investieren. Das halbbildbasierte Zeilensprungverfahren ist Geschichte, ein technisches Auslaufmodell.
  • Wenn heute Video bzw. Film produziert wird, dann wissen Produktionsfirmen sehr genau um die Bedeutung von Internet, IPTV, Videoplattformen und Streaming für Computer und mobile Geräte. Auch hier ist Interlaced schon lange Geschichte bzw. war nie verfügbar. Schonmal ein Smart Phone oder PDA mit PAL-Röhrenmonitor gesehen? Wohl kaum.
  • Es ist völlig sicher, dass der nächste Evolutionsschritt von HDTV ebenfalls ein progressives Format sein wird ... und zwar weltweit. Auch in den USA oder in Japan sind 1080i ein langsam aussterbendes Produktionsformat. Noch ist 1080p mit hohen Bildraten auf Produktionsseite für reine Fernsehproduktionen zu teuer. Teilweise sind geeignete Produktionsmittel noch gar nicht auf dem Markt. Dies wird sich aber in einigen, wenigen Jahren ändern.
  • Entgegen anderslautender Behauptungen u.a. von großen, sehr bekannten IT-Zeitschriften werden Spielfilme nicht in 1080p25 produziert, sondern in 1080p24 (oder noch höheren Auflösungen wie z.B. 4K bei 24 Bildern pro Sekunde). Die 24 Bilder pro Sekunde sind seit vielen Jahrzehnten der Standard für Spielfilmproduktionen. Spielfilme auf BluRay Discs laufen ebenfalls mit 1080p24
  • Kleines Rechenexempel für diejenigen, die immernoch glauben, dass 1920x1080 interlaced mit 50 Halbbildern pro Sekunde eine 2,25 mal so hohe Auflösung ist wie 720p50: das scheinbar deutlich größere Bildformat besteht pro Sekunde aus 50 Bildern mit jeweils 1920x540 (=1036800) Bildpunkten. Das Format 720p50 aus 50 Bildern pro Sekunde mit jeweils 1280x720 (=921600) Bildpunkten. Wir sehen also, dass das vermeintlich riesige Format nur gut 10% mehr Bildinformation transportiert. Ein verschwindend geringer Vorteil, der sich schon alleine dadurch relativiert, dass z.B. private Fernsehsender in der Regel ein deutlich stärker komprimiertes Bildsignal (niedrigere Datenrate) senden im Vergleich zu beispielsweise ARD und ZDF.
Es war wohl schon immer so, dass man als Endverbraucher dazu neigt, die größere Verpackung zu kaufen in der Annahme, dass sich darin auch mehr Inhalt befindet. Gerade im Zusammenhang mit HDTV verstehen es private Sender hervorragend, den oftmals nicht hinterfragten Glauben an die vermeintlich größere "Zahl" zu bestärken. Wenn dann noch gefährliches Halbwissen selbsternannter Experten in Deutschlands Redaktionen auf den Zug aufspringt, dann ist keinem gedient, der sich seriöse Information wünscht.

In diesem Sinne ... nicht verrückt machen lassen.
Es ist nicht immer alles unüberlegt und willkürlich,
was auf den ersten, flüchtigen Blick so aussieht.
Martin Schaefer ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.07.2010, 13:07   #2
Martin Schaefer
Administrator
 
Registriert seit: 08.10.2005
Beiträge: 69
Kleiner Nachtrag zur aktuellen Diskussion bezüglich 1080p50:

Die exorbitanten Mehrkosten für eine potentielle "Ausstrahlung" von 1080p50 beschränken sich nicht nur auf die Mehrkosten für die zusätzlich benötigte Bandbreite zum Endverbraucher.
Der eigentlich wichtige Punkt sind die Produktionskosten. Diese setzen sich zusammen aus Kosten für entsprechende Fernsehtechnik (Kameras, Mischpulte, Signalverteilung, Aufzeichnung, Schnittsysteme, Archivierung) und die häufig ebenfalls unterschätzten Leitungskosten zur Weiterleitung von Bildsignalen z.B. von Produktionsorten, Außenstudios, externen Produktionsfirmen zur Sendeanstalt bzw. zu sehr vielen Sendeanstalten bei internationalen Events.
Der Weg von der Sendeanstalt zum Zuschauer ist also nur ein relativ kleiner Baustein in einem reichlich komplexen System.

Natürlich wird im Hintergrund bereits "nachgedacht" und langfristig wird sicherlich irgendwann auch 1080p50 (oder sogar gleich 1080p60?) kommen. Aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis die gesamte Produktionskette 1080p50 in einem kostenmäßig vernünftigen Rahmen aufgebaut werden kann.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass sich die Kosten trotz doppelter Bildinformation nicht verdoppeln, weil H.264 als Videoformat so effektiv ist, dass man nicht die doppelte Bandbreite benötigt. Diese Stimmen unterschlagen dabei, dass natürlich im eigentlichen Produktionsprozess nicht mit H.264 gearbeitet wird.
Martin Schaefer ist offline   Mit Zitat antworten
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